Den Auftakt des dreitägigen UN-Gipfeltreffens prägten skeptische Prognosen zum Hunger in der Welt: „Die Welt muss mehr Nahrung produzieren“, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Dienstag in Rom angesichts der bedrohlich steigenden Lebensmittelpreise. „Um die wachsende Nachfrage zu decken, muss die Nahrungsproduktion bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent steigen.“
Egal, wie viel Nahrung die Welt auch produziert, es wird nie genug sein, dass ich bei solchen Statements so viel essen kann, wie ich kotzen will. In Indien wird täglich tonnenweise Weizen ins Meer gekippt weil die Nahrungsmittelpreise sonst zu sehr sinken würden, während gleichzeitig die Menschen verhungern (…weil die Nahrungsmittelpreise zu hoch sind…), in Mexiko verhungern die Leute weil ihre Nahrung neuerdings in Sprit umgewandelt wird und hierzulande wandert die Hälfte des produzierten Essens in den Müll – die Supermärkte schließen sogar ihre Müllcontainer ab damit bloß keiner zu essen hat ohne dafür zu bezahlen.
Bei der bloßen Menge Essen, die produziert wird, ist es moralisch nicht zu verantworten, überhaupt Geld dafür zu verlangen. Selbst wenn das Essen knapper wäre, wäre es nicht zu verantworten. Nahrung als Privileg? Wasser als Ware? Warum nicht Luft als Statussymbol? Das ist gar nicht so weit hergeholt: Ohne Luft kann man nicht leben. Ohne Wasser und Nahrung aber auch nicht. Ich sehe das Szenario schon vor mir: Die Reichen haben so viel frische Luft, wie sie wollen, während die Armen mit einem Raum voller Luft eine Woche lang hinkommen müssen. Wenn sie vorher das Fenster öffnen, gilt es als Diebstahl.
“Wer nicht bereit ist, dafür zu arbeiten”, sagen Politiker und Manager (wie) aus einem Mund, “der darf auch keine zu hohe Menge Luft erwarten.” und fügen hinzu: “Wenn jeder so viel Luft hätte, wie er gerade will, würde ja keiner mehr arbeiten. Niemand hätte einen Anreiz dafür. Wer dagegen bereit ist, sich anzustrengen, hat sich auch das Recht auf Frischluft verdient.”
Wenn es von heute auf morgen keine Bäume mehr geben würde, würde die Luft noch 10.000 Jahre reichen, stand irgendwann mal in meinem Erdkunde-Schulbuch. Dann würde Luft zur fossilen Ressource.
Aber wir müssen gar nicht so lange warten, um das scheinbar absurde Szenario, das ich beschrieben habe, selbst zu erleben: Es ist heute schon Realität. Wer es sich leisten kann, lebt da, wo die Luft gut ist. Ein Landhaus im Grünen. In den Vorstädten, weit weg von Rushhour und Autobahn. An Luftkurorten. Am Meer, vorderste Reihe, keine Straße zwischen Haus und Strand. Die anderen leben in der Stadtmitte, die im Sommer von Smogwolken verhangen ist, wo die Straße Tag und Nacht lärmt und wo man sich abends den sichtbaren Dreck vom Gesicht wäscht. Die Armen der Armen gehen nicht mehr ohne Mundschutz aus dem Haus, sind giftigen Chemikalien ausgesetzt, sprühen eigenhändig die Pestizide auf die Baumwolle bis sie einen frühen Tod sterben oder arbeiten unter Tage.
Frische Luft ist längst schon zur Ware geworden.