Matriarchat I
April 25, 2008 von Buntnessel
Ich lese gerade “Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften” von Heide Göttner-Abendroth. Es gefällt mir bisher außerordentlich gut, da ich die ethnologische Perspektive in der Gesellschaftskritik für äußerst wichtig halte. Wir können viel über herrschaftsfreie Gesellschaft, eine nicht auf Gewalt und Unterdrückung fixierte Kultur etc. reden, doch was bringt es uns, wenn unser Gegenüber als Reaktion nur traurig mit den Schultern zuckt und sagt: “Das ist alles schön und gut - aber so sind Menschen nun mal leider.” Wenn dies die verbreitete Auffassung ist, ist es natürlich einfach, die Menschen davon abzuhalten, irgendetwas gegen ihre Misere zu unternehmen, wie unerträglich sie auch sein mag: Man muss die Situation von Menschen weder besonders schön gestalten, noch muss man sie bedrohen, wenn man sie nur davon überzeugen kann, dass es keine andere Möglichkeit zu leben gibt als die, in der sie sich befinden.
Die Beschäftigung mit anderen Kulturen eröffnet uns genau diese Perspektive. Leider gibt es von diesen Kulturen immer weniger - und zwar weniger weil diese Menschen von der “westlichen” Art zu leben begeistert sind sondern eher weil ihnen die Grundlage ihrer traditionellen Lebensweise entzogen wird und sie daher wenn sie überleben wollen keine andere Wahl haben als sich an die Unsere anzupassen.
Ich schreibe zu der ganzen Thematik mehr wenn ich das Buch durchhabe (daher die I im Titel). Für den Moment will ich ein Prinzip beschreiben, das mir beim Lesen des Theorieteils am Anfang aufgefallen ist und das ich für eigentlich selbsterklärend halte - momentan bin ich beim Beispiel-Teil des Buches (und erfreut, dort einen Text des hochverehrten Wilhelm Reichs zu finden).
Matriarchate müssen schon allein deswegen (oder auch hauptsächlich deswegen) weniger Zwang erfordern, weil die Vererbungslinie viel unstrittiger ist. Wenn Matrilinearität[1] vorliegt, Erbe, Verwandschaft , Rechtsstatus usw. also davon abhängen, wer die Mutter des Kindes ist, ist es äußerst unproblematisch, festzustellen, zu welcher Frau das Kind nun gehört: Die Frau weiß, dass ihr Kind von ihr ist. Liegt dagegen Patrilinearität vor, kann der Mann kaum sicher sein, dass das Kind wirklich das Seine ist. Die einzige Möglichkeit, dies sicherzustellen, ist, die Frau einzusperren. Dies kann entweder in körperlicher Form geschehen - indem die Frau also ans Haus gebunden wird - oder auf subtilere Weise, indem weibliche Untreue als das ultimative Vergehen gewertet wird. Die “Familienehre” könnte von der Treue der Frau abhängig gemacht werden - und wer hier allzu ausschließlich an islamische Gesellschaften denkt und daran zweifelt, dass diese Wertung auch im Deutschland des Jahres 2008 noch hochaktuell ist, möge sich die nächsten zwei Wochen die Zeitungsartikel zu Familiendramen, Beziehungstragödien und Co. ganz genau durchlesen.[2]
Eine solche Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Frau ist natürlich nicht möglich, ohne dass man sie abwertet, zur Gebärmaschine degradiert, ihren Körper zum Eigentum des Mannes erklärt.
Alles in allem ist eine Degradierung des Statuses der Frau, eine Beschneidung ihrer Freiheit, also essentiell für das Fortbestehen des Patriarchats während ein Matriarchat keine entsprechende Einschränkung des Mannes notwenig macht.
[1] Exzessiver und überflüssiger Gebrauch von Fremdwörtern ist doof? Warte, bis du erstaunt liest, dass die Irokesen keine universelle postnuptiale Residenzregelung kannten.
[2] Das Kapitel “Till Death Do Us Part” in dem Buch “The Politics of Women’s Bodies” behandelt dieses Thema anhand von US-Statistiken - leider verallgemeinert die Autorin in ihrer Analyse stark und behauptet, dass “Männer an sich” (kein zitat) so sind, dass sie Frauenkörper als ihr Eigentum ansehen, was wiederum das selbe Problem eröffnet wie die resignierte Antwort auf Gesellschaftskritik am Anfang dieses Eintrags, nämlich dass es das Patriarchat legitimiert - wenn Männer an sich so sind, welche Hoffnung haben wir dann, jemals etwas zu ändern?