Seit einigen Tagen ist in den Medien Tibet das Thema überhaupt. Die Nachrichtenindustrie scheint ganz ähnlich wie die Modeindustrie zu funktionieren: Es gibt so Trends, die kommen und gehen mit den Jahreszeiten. Gestern hats noch keiner getragen, der was auf sich hielt, heute ist es in. Erkennt man immer daran, dass Hollywood-Stars sich als dazugehörig zu erkennen geben. Dann gibt es Kleidungskonzepte, Länder, Pullover und Völkermorde, die immer irgendwie da sind und bei denen jeder weiß, was er davon zu halten hat. Manche denken, es ist ihr Ding und es ist akzeptiert, dass man es mögen kann, aber richtig angesagt ist es auch nie. Und es gibt Sachen, die werden nie Trend sein. Unterwäsche auf dem Kopf tragen [1] zum Beispiel. Oder die DR Kongo.
Vor ein paar Monaten war Birma/Myanmar ganz groß angesagt, davor war es Darfur. Aber wie viele Zeitungsleser wissen heute aus dem Stegreif, was sich momentan in diesen Ländern abspielt? Ich hätte es so auch nicht gewusst und musste erst nachgucken. Hat sich eigentlich nichts geändert, aber nachrichtenwürdig könnte man es schon nennen, was dort momentan passiert. In Birma hat die Militärjunta wohl eine neue Verfassung entworfen und im Mai ist Abstimmung, die Opposition ruft allerdings teilweise zum Boykott auf.
Das Interessante ist aber, dass bei den meisten aktuellen Berichten, die die Google-Newssuche zum Thema „Darfur“ (7 von 11 in den letzten 3 Tagen) findet und bei gut der Hälfte von denen über Birma (19 von 32) auch das Wort „Tibet“ im Text auftaucht: Diese vor kurzer Zeit noch an sich relevanten Themen werden fast nur noch in Verbindung mit dem neuen cause célèbre erwähnt.
Bei anderen Themen ist die Berichterstattung natürlich ein bisschen konstanter, nämlich entweder ausgeprägt und ausgeprägt politisch vorbelastet (Wie beim nahen Osten – und hier fällt die Analogie zur Modeindustrie ein bisschen auseinander…) oder einfach konstant nicht vorhanden (wie bei den meisten afrikanischen Konflikten und in letzter Zeit auch Afghanistan).
Ich musste grade wieder an ein Zitat aus diesem philosophischen Meisterwerk, Die Klapperschlange II [2], denken: Je mehr sich die Dinge ändern, um so mehr bleiben sie gleich.
[1] Schwedische Babys sind *keine* Trendsetter!
[2] Ich liebe diesen Film! Erst vor einer Woche ist mir aufgefallen, dass er nicht nur vom allgemeinen Szenario her gesellschaftskritisch ist, sondern dass aus den letzten Minuten klar hervorgeht, dass Snake Plissken Anarcho-Primitivist ist.